Die konkaven Seiten der Großen Pyramide

Luftaufnahme von Groves, 1940

In seinem Buch The Egyptian Pyramids: A Comprehensive, Illustrated Reference, schrieb J.P. Lepre:

"Die Konkavität seiner Kernstruktur ist ein sehr ungewöhnliches Merkmal der Großen Pyramide, da sie das Monument zu einem achtseitigen geometrischen Körper macht; anstatt vierseitig zu sein, wie jede andere ägyptische Pyramide. Das heißt, dass seine vier Seiten von der Basis bis zur Spitze hin nach innen gewölbt sind, bzw. entlang ihrer zentralen Linien eingerückt sind. Diese Konkavität teilt jede der vier Seiten erkennbar in zwei Hälften, schafft eine ganz besondere und ungewöhnliche achteckige Pyramide; und sie ist mit einer solch außergewöhnlichen Präzision umgesetzt worden, dass es fast schon unheimlich ist. Denn, egal von welchem Ort aus oder aus welcher Entfernung am Boden betrachtet ist diese Konkavität nicht zu erkennen. Die Vertiefung kann nur aus der Luft betrachtet werden, und das auch nur zu bestimmten Tageszeiten. Dies erklärt, warum praktisch kein verfügbares Foto der Großen Pyramide dieses Einkerbungsphänomen zeigt, und warum die Konkavität bis zum Zeitalter der Luftfahrt nie entdeckt wurde. Es wurde nur durch Zufall im Jahr 1940 entdeckt, als ein britischer Air-Force-Pilot, P. Groves, über die Pyramide flog. Zufällig bemerkte er die Konkavität und fing sie in dem heute berühmten Foto ein [S. 65]."

Diese seltsame Eigenschaft wurde nicht erst im Jahre 1940 beobachtet. Es wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts in La Description de l'Egypte (Band V, Tafel 8) dargestellt. Flinders Petrie bemerkte eine Aushöhlung in der Mitte jeder Seite des Kernmauerwerks und schrieb, dass er "immer wieder beobachtete, wie die Steinlagen des Kerns Abweichungen von ½° bis 1° aufwiesen" (The Pyramids and Temples of Gizeh, 1883, S. 421). Obwohl es offenbar leichter aus der Luft beobachtet werden kann, ist die Konkavität messbar und unter günstigen Lichtverhältnissen auch vom Boden aus sichtbar.

Ikonos Satellitenaufnahme von der Großen Pyramide


I.E.S Edwards schrieb: "In der Großen Pyramide wurden die Steinblöcke in einer Art und Weise angelegt, dass sie leicht schräg nach innen zum Mittelpunkt jeder Steinlage liegen, mit dem Ergebnis, dass eine merkliche Vertiefung in der Mitte jeder Seitenfläche verläuft - eine Besonderheit, die, soweit bekannt ist, mit keiner anderen Pyramide geteilt wird." (The Pyramids of Egypt, 1975, S. 207).
Maragioglio und Rinaldi beschrieben eine ähnliche Konkavität bei der Mykerinospyramide, der dritten Pyramide in Gizeh. Miroslav Verner schrieb, dass die Seiten der Roten Pyramide in Dahschur ebenfalls "leicht konkav" sind.

Schaubild der Konkavität (nicht maßstabsgetreu)Was ist der Zweck für die konkaven Seitenflächen der Großen Pyramide? Maragioglio und Rinaldi vermuteten, der Zweck würde darin bestehen, die Ummantelung an den Kern zu binden. Verner stimmte zu: "Wie im Falle der früheren Roten Pyramide waren die leicht konkaven Mauern dazu bestimmt, die Stabilität des Pyramidenmantels zu erhöhen (z.B. Verkleidungssteine)" (The Pyramids, 2001, S. 195).
Martin Isler fasste die verschiedenen Theorien in seinem Artikel "Concerning the Concave Faces on the Great Pyramid" (Journal of the American Research Center in Egypt, 20:1983, S. 27-32) zusammen:

  1. Um dem Kern eine gekrümmte Form zu geben, damit ein Rutschen der Seiten vermieden wird.
  2. Der Verkleidungsstein in der Mitte wäre größer und wäre besser als Leitstein für die anderen Blöcke der gleichen Steinlage geeignet.
  3. Um eine bessere Anbindung des Kerns mit der Ummantelung zu erreichen.
  4. Aus ästhetischen Gründen, mit konkaven Flächen wäre die Struktur angenehmer fürs Auge.
  5. Als die Verkleidungssteine später entfernt wurden, stürzten sie die Seitenflächen hinunter, wobei sie so die Seitenmitten der Pyramide mehr abnutzten als die Ecken.
  6. Die natürliche Erosion des windgepeitschten Sandes hatte eine größere Wirkung auf die Mitte.

Isler verwarf die ersten vier Ideen aufgrund der Vorstellung, "was für die erste Pyramide gilt, sollte für die anderen ebenfalls gelten." Er verwarf ebenfalls die letzten beiden Gründe, weil diese nicht die "Steinlagen verrücken", sondern eher "die Oberflächen der Steine abnützen würden." Nachdem er die obige Liste um eine weitere Kategorie ergänzt hatte, "ein Ergebnis unvollkommener Baumethoden", fährt er mit der Überlegung fort, dass die Konkavität ein Überbleibsel eines Verfahrensfehlers in der Bauweise ist (konkret: ein Durchhängen der Maurerschnur). Man ist versucht, diese Theorie mit Islers eigener Argumentation abzulehnen: "was für die erste Pyramide gilt, sollte für die anderen ebenfalls gelten."


Die Konkavität hat zu noch unwahrscheinlicheren Theorien geführt, meist zur Unterstützung einer weiter reichenden Hypothese. David Davidson (zitiert von Peter Tompkins in Secrets of the Great Pyramid, S. 108-114) verteidigte den in Ungnade gefallenen Piazzi Smyth, indem er versuchte aufzuzeigen, dass Messungen, welche die Vertiefung berücksichtigen, drei Basiswerte liefern, welche die drei Jahreslängen beschreiben: das Sonnenjahr, das siderische Jahr und die anomalistische Periode. (Diese Linien wären auf dem unten angezeigten Diagramm AB, AEFB und AMB.) Was Davidson voraussetzt ist, dass die Konkavität, die heute in der Kernstruktur der Pyramide gegenwärtig ist, sich bis zur fertig verkleideten Oberfläche fortsetzt. Es gibt aber keinen Beweis dafür; tatsächlich ist die noch erhaltene Verkleidung vollkommen glatt.

Margioglio and Rinaldi fanden heraus, dass der Granitmantel der Mykerinospyramide zwar glatt ist, aber unter diesem Granit bildeten die Füllsteinblöcke eine Vertiefung in jeder Seitenmitte. Diesen Erkenntnissen zufolge ist die Konkavität ein funktionelles Merkmal der Kernstruktur, das den Blicken entzogen wurde, als die Verkleidungssteine angebracht wurden.

Drei mögliche Basislinien der Großen Pyramide (nicht maßstabsgetreu)

John Williams, Autor von Williams' Hydraulic Theory to Cheops' Pyramid, schrieb, dass "der einzige Vorteil, den ich sehen kann - und das ist ein großer Vorteil -, dass ein Bauwerk eine konkave Fläche hat, ist, den extrem hohen Innendruck im Zaum zu halten - die Art von Druck, die sich aus dem hydraulischen Verfahren meiner Beschreibung ergibt. Dies kann man sich wie bei Eierschalen, Brücken oder Giebelbögen vorstellen."

Diese Erklärung wird auch von anderen Vertretern der "Pumpentheorie" geäußert, wie Edward J. Kunkel (Autor von The Pharaoh's Pump, 1962) und Richard Noone (Autor von 5/5/2000: Ice: The Ultimate Disaster, 1982). Leider scheiterten sie beim Verständnis, wie Brücken oder tragende Giebel funktionieren. Ein tragender Bogen wurde entwickelt, um den nach unten gerichteten Druck, oder das Gewicht, eines Bauwerks auf eine nach außen gerichtete Kraft umzuleiten, die diese wiederum auf eine Stütze, einen Pfeiler oder eine Anlagefläche überträgt. Ein Bogen leitet den Druck nur um; sie lässt sie nicht verschwinden. Wären die Seitenflächen der Großen Pyramide wie ebensolche Bögen angeordnet, würden diese Bögen dazu dienen, diesen Druck in Luft aufzulösen. Das macht keinen Sinn. Der Eierschalenvergleich ist noch weniger geeignet, weil die Pyramide keine Eierform hat. Genau wie ein Bogen ist ein Ei nur deshalb stabil, weil es den Belastungdruck umleitet; in diesem Fall in vertikale und horizontale Kräfte, die aufgrund seiner Form gleichmäßiger über die Eistruktur verteilt werden.

Kunkel verglich jede Pyramidenseite mit einem Damm. Er behauptete, dass sich jede Seite gegen den Innendruck der Pyramide stemmt, so wie sich ein Damm (z.B. der Hoover-Damm) gegen den Druck des Wassers stemmt, den er zurückhält. Eine Bogenstaumauer verwendet die gleichen Bauprinzipien wie ein Bogen (siehe oben). Der Damm biegt sich in Richtung des hydrostatischen Drucks des Wassers hinter ihm, welcher wiederum horizontal an die Stützmauern an den Seitenwänden verteilt wird. Noch einmal: der Pyramide fehlen solche Stützmauern.

In Ancient Egyptian Construction and Architecture, schrieben Clarke und Englebach:

"Die meisten Pyramiden haben ihre eigenen Besonderheiten, die schwer zu erklären sind. Zum Beispiel verläuft in der Mitte der Seitenflächen der Großen Pyramide, und möglicherweise bei einigen anderen auch, eine große Vertiefung, was auf eine extradicke Verkleidungslinie hindeutet. Obwohl es keine besondere Schwierigkeit ist, die Blöcke einer Steinlage so anzuordnen, dass sie zur Mitte hin größer werden, gibt es keine weitere befriedigendere Erklärung als die der bereits diskutierten "Gürtel-Blöcke" (in dem aufsteigenden Gang der Großen Pyramide) [S. 128]"

Der Zweck der Konkavität der Großen Pyramide bleibt weiterhin ein Geheimnis und es gibt keine einzige befriedigende Erklärung für diese Besonderheit. Die Vertiefung ist so gering, dass eine praktische Funktion schwer vorstellbar ist.

Quelle: http://www.catchpenny.org/concave.html; Catchpenny Mysteries © copyright 2000 by Larry Orcutt. (Übersetzung: Sven Schmidt)

 


Anmerkung:

Laut V. Maragioglio und C. Rinaldi beträgt die Wölbung an der Nordseite 0,94 Meter. Wie auf den Bildern und Skizzen zu sehen ist, verringert sich diese Wölbung mit jeder der 210 Steinlagen. Wäre das nicht so, und wären die oberen Steinlagen mehr als beispielsweise 0,5 Meter gewölbt, könnte man dies mit blosem Auge erkennen. Da die obersten Steinlagen der Cheopspyramide heute nicht mehr vorhanden sind, kann man nur vermuten, wie tief die Einkerbung dort noch war. Bei nachfolgender Rechnung unterstelle ich, dass sich die Wölbung bei der obersten Steinlage auf 0,00 Meter reduziert hat.

Um das bautechnische Wunder begreifbar zu machen, muss man den durchschnittlichen Wert berechnen, um den sich die Wölbung im Schnitt mit jeder Steinlage reduziert:

0,94 Meter / 210 Steinlagen = 0,00448 Meter.

Also durchschnittlich 4,5 Millimeter !
Bei 210 Steinlagen, die alle unterschiedlich hoch sind.

Ein paar praktische Fragen:

Wie präzise müssen die tonnenschweren Steinblöcke gesetzt werden? Wie bewegt man eine solche Masse um nur wenige Millimeter hin und zurück (falls mal zu viel verschoben wurde)? Mit welchem Präzissionsmessgerät kann ermittelt werden, ob der Stein danach richtig liegt? Mit welchem Präzissionsmessgerät können die Eckwinkel bemessen werden? Das sind ja keine 90°-Winkel mehr, sondern 89,9... (?)°-Winkel, die sich pro Steinlage minimalst dem 90°-Winkel annähern.Welches Präzissionswerkzeug ist nötig, um solche Fast-90°-Steinblöcke herzustellen?

Wer die Antworten kennt, bitte eine Mail an mich!

 

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